Von Überfrust und Spiellust

Wie fördere ich nachhaltiges Instrumentenlernen und den Erhalt der Spielfreude meines Kindes?

„Am Anfang war unsere Tochter (9) noch ganz begeistert mit ihrem Instrument bei der Sache. Aber nach einigen Wochen müssen wir feststellen: Sie übt einfach viel zu wenig. Was sollen wir tun um einen Machtkampf ums Üben und letztendlich die vorschnelle Aufgabe des Instrumentes zu verhindern?“

Die ersten Musikstunden lösen oft eine Welle der Euphorie aus – eifrig wird mit dem Instrument experimentiert, Lernfortschritte werden mit Begeisterung gezeigt und viele Kinder träumen bereits von ihrem zukünftigen Leben als Musikstar – Doch nach einiger Zeit hat sich die Faszination des Neuen gelegt und beim Kind ist die Erkenntnis eingetreten, dass es doch ein wenig mehr Arbeit erfordert, dem Instrument schöne Töne zu entlocken, als anfangs vermutet.

Wenn nach Wochen des ständigen Klimperns und Trällerns das Klavier, die Gitarre etc. langsam verstummt und das Kind sich eher wieder mit anderen Dingen beschäftigt: Machen Sierock'n'roll sich keine Sorgen! Dies ist nicht nur normal, dies muss so sein, denn andere Beschäftigungen sind schließlich auch berechtigt und wichtig und es gilt nun, das Instrument in die normalen und alltäglichen Abläufe zu integrieren. Wichtig ist es, wie Sie Ihr Kind in seinem persönlichen Wachstumsprozess mit dem Instrument begleiten.

Die Herausforderungen für Instrumentenlerner sind weitaus vielseitiger als auf den ersten Blick zu vermuten. Es geht um viel mehr als „nur“ die richtige Tastenkombination zu drücken oder die richtige Trommel zum richtigen Zeitpunkt zu schlagen. Von Ihrem Kind wird dabei auf Dauer noch viel mehr verlangt:

Selbständig sein, an etwas dran bleiben, Absprachen einhalten, sich organisieren, langsames Fortkommen aushalten, Rücksicht auf andere nehmen (z.B. im Gruppenunterricht), auf ein Ziel hinarbeiten, sich seinen Ängsten stellen, vor Publikum stehen (z.B. Auftritt). Das Musizieren und das damit verbundene häusliche Üben trainiert somit zahlreiche Fähigkeiten, die im späteren Leben essenziell wichtig und langfristige Erfolgsgaranten sind. Genau wie im „realen Leben“ erlebt man auch beim Erlernen eines Instruments Höhen und Tiefen, Erfolge und Misserfolge. Ihr Kind kann durch Sie und seine Lehrer lernen, wie man mit solchen Situationen umgeht und sie ausbalanciert.

Einige Kinder reagieren auf die erste Erfahrung des Frustrationspotentials eines Instruments mit dem Wunsch, das Instrument wieder aufzugeben. In diesem Fall schauen Sie bitte noch einmal auf unsere Tipps auf den nächsten Seiten und überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, was davon noch umgesetzt werden könnte, bevor Sie vorzeitig den Entschluss zur Kündigung ziehen. Es besteht die Chance auf ein großes Glücksgefühl, Stolz und persönliches Wachstum, wenn Ihr Kind und Sie sich „nicht unterkriegen lassen“ und Ihr Kind dabei die Erfahrung macht, dass sich dies lohnt: durch Erfolgserlebnisse an seinem Instrument und letztlich durch ein gestärktes Selbstbewusstsein.

FP_MusikSchule_004Besonders zu Beginn der Ausbildung ist es von zentraler Wichtigkeit, dass Sie als Eltern intensiv mithelfen und Interesse daran zeigen, was Ihr Kind am Instrument eigentlich so tut. Die Gründe hierfür lassen sich aus der natürlichen kindlichen Reifeentwicklung herleiten:

Das eigenständige Üben, das viele Eltern von Ihrem Kind erwarten, stellt aus entwicklungspsychologischer Sicht bis etwa zur 6./7. Klasse eine Überforderung dar. Kinder sind zu Beginn einer Instrumentalausbildung in der Regel nicht in der Lage, das abstrakte Ziel der Instrumentenbeherrschung mit eigenständig geplantem Üben zu verfolgen. Das regelmäßige Üben muss erlernt werden. (Denken Sie nur einmal daran, wie schwer es schon einem Erwachsenen fällt, dauerhaft das Ziel zu realisieren, täglich auch nur 20 Minuten aufs Laufband zu gehen…)

Kinder lernen erst etwa mit dem Eintritt in die Pubertät, für ein selbstgestecktes Ziel eigenständig zu lernen. Vorher verläuft das Lernen in der Regel personenbezogen und durch sogenanntes „Lernen am Modell“. Das heißt: für die nette Englischlehrerin, den coolen Fußballtrainer, den bewunderten Gitarrenlehrer, und vor allem für Mutter und Vater. Außerdem schauen sich Kinder von ihren Bezugspersonen instinktiv ab, was „gut, richtig und wichtig“ ist. Hat Musik und Musizieren also zu Hause einen festen Platz und erkennbaren Stellenwert, so wird Ihr Kind dies wie selbstverständlich übernehmen.

Das höhere Ziel des Lernzuwachses ist für Kinder also noch zu abstrakt. Vielmehr wird für das Lob und die Anerkennung einer geliebten Person gelernt, und auch für das gemeinsame Erlebnis, z.B. das Vorspielen, das gemeinsame Musizieren und Singen, das die Bindung zwischen dem Kind und dieser Person stärkt.Closeup on happy young woman singing with microphone

Sie als Eltern müssen folglich viel dazu beitragen, dass das Thema Üben bzw. „Spielen“, wie es weitaus motivierender genannt werden sollte, einen festen Platz im Tagesverlauf einnimmt und gleichzeitig reizvoll bleibt. Hierzu ist es unerlässlich, dass Sie Ihr Kind motivieren. Sie sind die Bezugsperson Nr. 1 und sehen Ihr Kind die ganze Woche – der Musiklehrer versucht, so viel wie möglich in 30-45 Minuten zu transportieren. Ohne Ihre Zuwendung, Motivation und Ihr Lob, wird das Spielen und Lernen nicht in Gang kommen und aufrecht erhalten.


Was für konkrete Empfehlungen lassen sich daraus also für den häuslichen Alltag ableiten?

Übungsort und sonstige Voraussetzungen:

Instrument, Notenständer und Noten sollten griffbereit, der Raum angenehm sein. Ihr Kind wird motivierter zum Instrument greifen, wenn es ohne großen Aufwand beginnen kann und das Instrument nicht erst umständlich aufgebaut oder aus einer verstauten Tasche befreit werden muss (z.B. als Auflockerung beim Lernen für Schulfächer). Nach Möglichkeit sollte ein Instrument im eigenen Kinderzimmer stehen, so dass spontanes Üben und stolzes Vorspielen vor Freunden entstehen kann. Wenn Ihr Kind z.B. zum Schlagzeugspielen erst in den ungemütlichen Keller gehen muss, so wird es dies ungern tun. Auch sollte das Instrument richtig verwendbar sein. Dazu gehört der ordnungsgemäße Aufbau, das Stimmen und ggf. sollten Ersatzsaiten zu Hause vorhanden sein. Der Lehrer zeigt gerne das Aufziehen und Stimmen. (Sprechen Sie uns auch bzgl. Aufbau an!)Drummer

Wichtig ist auch, dass Ihr Kind die Lieder aus dem Unterricht ohne großen Aufwand in Originalaufnahme abspielen kann. Dazu muss sich in unmittelbarer Reichweite (z.B. vom Schlagzeughocker) ein CD-Player befinden oder auch ein Mp3-Player mit ausreichend großem Kopfhörer vorhanden sein. All dies trägt dazu bei, dass Ihr Kind das Spielen zu Hause nicht als umständlich und lästig empfindet.

Vermeiden Sie störende Einflüsse (wie z.B. Radio, Fernseher, ablenkende Geschwister/Freunde, Telefonanrufe etc.), denn nach unfreiwilligen Unterbrechungen fällt es jedem Kind schwer, sich wieder zu konzentrieren.


Zeitpunkt / Häufigkeit / Umfang:

Zu dieser Frage gibt es keine pauschale Aussage, denn der Umfang der Spielzeit orientiert sich selbstverständlich an den Zielen des Schülers und der Eltern. Diese sollten Sie besprechen. Es leuchtet ein, dass ein David Garret nicht mit 3×15 Min. Üben in der Woche zu Weltruhm kommen konnte, sondern täglich stundenlang Geige spielte. Ein Ziel kann aber auch sein, dass das Leben Ihres Kindes dadurch bereichert wird, dass es später zum eigenen Genuss und Hausgebrauch Klavier spielen kann. In diesem Fall wäre tägliches langes Üben nicht realistisch.

Grundsätzlich kann jedes Spielen des Instruments außerhalb des Unterrichts Fortschritt bedeuten. Das sind für den Einen täglich 30 Minuten vor dem Abendessen, für den Anderen zwei bis drei mal die Woche 15 Minuten zu verschiedenen Zeiten. Bitte drosseln Sie die Motivation Ihres Kindes nicht. Spielen muss im Idealfall so lange und so oft möglich sein, wie Ihr Kind Lust hat. Wenn durch das Spiel z.B. kleinere Geschwister im Mittagsschlaf gestört werden, so sollten Sie dies weitsichtig schon bei der Anschaffung des Instruments berücksichtigen. E-Gitarren, E-Schlagzeuge, E-Pianos, E-Bässe – alle diese Instrumente lassen sich über Kopfhörer so leise abspielen, dass weder die Umwelt etwas hört, noch das eigene Gehör geschädigt wird.

Unabhängig davon, wie die Ziele am Instrument gesteckt sind, beim Festlegen der Spielzeiten und des Umfanges muss dies mit Ihrem Kind gemeinsam entschieden und realistisch an seinem Temperament, seinen Gewohnheiten und am Tagesprogramm orientiert sein. Das obere Ziel ist das Entwickeln einer Übe-Routine.Musik Konzert Event mit Saxofon

Ist von Ihnen gemeinsam einmal über die Spielzeiten entschieden worden (z.B. Montags und Mittwochs 18:00-18:15 vor dem Abendessen und Samstags 11:00 bis 11:15 nach dem Frühstück.), so sorgen Sie bitte auch für deren Einhaltung. Die Zeiten dürfen nicht immer wieder aufs Neue verhandelbar sein. Sie vermeiden damit Machtkämpfe und schonen die eigenen Nerven. Diese Zeiten sollten für Ihr Kind einen ebenso verbindlichen Charakter bekommen, wie das Fußballtraining oder andere wiederkehrende Termine. Erweist sich eine Zeit langfristig als ungeeignet, so legen Sie diese gemeinsam verbindlich um.

Zu Beginn der Instrumentalausbildung oder nach längeren Aussetzern sollte der zeitliche Umfang des Übens nicht zu lang sein, um Motivation wieder aufzubauen. Zu Anfang können 5-10 Minuten ausreichen, die dann mit wachsender Kondition gesteigert werden können. Bitte vermeiden sie einen langen Übungsmarathon, um Versäumtes vor einer Unterrichtsstunde aufzuholen. Das trägt in der Regel nur zu Frust bei und erzielt keinen nachhaltigen Fortschritt.

Einige Kinder, insbesondere sehr junge, generalisieren das Lob des Lehrers auch und machen daraus für sich eine Entbindung vom Üben. „Mein Lehrer hat gesagt, ich kann das schon toll und ich brauche nicht üben.“ Hinterfragen Sie solche Aussagen bitte im gemeinsamen Gespräch mit Kind und Lehrer.


So können Eltern sinnvoll unterstützen:

  • Nehmen Sie sich bewusst Zeit, um dem Kind beim Spielen zuzuhören und zu zeigen, dass Sie beteiligt und interessiert sind. Das heißt nicht, dass Sie alles kontrollieren und immer daneben sitzen sollen. Loben Sie, ermuntern Sie – diese Zeitinvestition wird sich vielfach auszahlen und auf lange Sicht Ihre Nerven schonen. Musizieren Sie gelegentlich gemeinsam. Dazu müssen Sie kein Instrument beherrschen. Klatschen oder singen Sie mit, falls Ihnen dies Spaß bereitet. Übernehmen Sie nicht alleine die Verantwortung für die musikalische Entwicklung Ihres Kindes. Ihr Kind spielt für die Anerkennung beider Elternteile, die es auch spüren sollte.
  • Ermuntern Sie Ihr Kind zum Vorspiel (Familienfeiern, Musa-Konzerte). Kinder lassen sich auch für Minivorspiele begeistern: „Zeig uns am Samstag nach dem Abendessen doch mal, was du schon auf der Gitarre kannst.“Böckflöte
  • Gehen Sie gemeinsam auf Live-Konzerte. Das muss nicht das riesige Rockkonzert sein. Bei kleineren Konzerten lassen sich die Musiker „in action“ viel besser beobachten.
  • Das konkrete Anfangen mit dem Üben stellt manchmal eine Hürde für das Kind dar. Ist man dann erst einmal dabei, macht es schließlich doch Spaß. Hier vertrauen wir auf Ihr verbales Geschick: „Letztes mal klang es (schon) richtig toll!“ „Spiel doch noch mal das schöne Lied von neulich für mich.“ „Fang schon mal an, ich komme gleich dazu und du kannst mir zeigen, was du grad machst.“ „Komm, ich klatsche den Takt/singe mit.“ „Wenn du keine Lust hast versuche ich es jetzt mal. Ich bin bestimmt super gut. Zeig mir mal grade, wie man…“
  • Reservieren Sie Belohnungen für das Üben bitte für den Ausnahmefall und für Durststrecken. Verzichten Sie ganz auf Strafen. Der Fokus verschiebt sich bei übermäßigem Einsatz von Belohnung/Strafe weg vom Inhalt hin zu einer „Dressur“. Für Ihr Kind wird das Instrumentenspiel nicht wertvoller, weil es sich damit einen Kino-Besuch verdienen kann, oder weil ihm dadurch Spielekonsole, Sport oder Verabredungen verboten werden.

Die Luft bei meinem Kind ist endgültig raus! Was tun?

Sprechen Sie den Lehrer oder die Schulleitung bitte an, falls Sie über einen längeren Zeitraum den Eindruck haben, dass die Luft einfach raus ist und Sie als Eltern nicht weiterkommen! In den meisten Fällen helfen Feinjustierungen an Unterricht oder an der Rahmenorganisation dabei, neue Motivation herzustellen.


Tipps in der Kurzübersicht:

  • Vorüberlegung: Was sind die Ziele beim Erlernen des Instruments? (Hobby/Professionell/Band/Konzerte…)
  • Beschließen Sie gemeinsam Spielzeiten zum Erreichen dieses Ziels und sogen Sie für deren Einhaltung.
  • Sorgen Sie dafür, dass der Raum die Grundanforderungen fürs Musizieren erfüllt: angenehm, gut erreichbar (möglichst Kinderzimmer), ausgestattet mit leicht bedienbarem Abspielgerät.
  • Stellen Sie sicher, dass das Instrument ordnungsgemäß funktioniert und gestimmt ist. (Wir helfen gerne!)
  • Schaffen Sie Motivation durch kleine Vorspiele im Familienkreis.
  • Zeigen Sie intensives Interesse durch regelmäßiges Zuhören, zeigen lassen, Mitmachen und Lob.

I. Probststandart